Subjektivitätsvielfalt
Die Karten unserer Welt
Was heisst Führen mit Subjektivität? Der Fokus ist auf dem Subjekt, auf dem Menschen in der Gesamtheit seines Denkens, Fühlens und Handelns. Jetzt kann ich mir vorstellen, dass du mir entgegnest, “Aber, das mach ich doch. Mein ganzes Denken kreist um meine Teammitglieder, meine Leute? Täglich frag ich mich wie ich ihnen helfen kann und wie ich sie motivieren kann, damit wir unsere Ziele erreichen. Es ist eh schon so stressig und so viel Druck. Was soll ich denn noch tun? Mich komplett selbst vergessen? Das ist ja genau das Gegenteil was die vielen schlauen Bücher schreiben.” Ja, du hast Recht und deinen Mitarbeiterfokus will ich dir auch gar nicht absprechen. Ganz im Gegenteil ich erlebe täglich wie sich viele Führungskräfte in ihrem Bemühen sich selbst aufgeben und Unheimliches leisten im Dienst ihres Teams. Sie überlegen tagtäglich wie sie ihr Team motivieren können, lesen Artikel, hören Podcasts und machen Kurse, um ihr Team noch besser unterstützen zu können. Trotzdem und gerade weil sie so viel Energie und Gedanken in das Wohlergehen ihrer Mitarbeiter und den Erfolg ihres Teams stecken, ist es besonders frustrierend und enttäuschend, wenn dies nicht oder nur teilweise gelingt. Woran liegt das?
Weil ich meine Weltanschauung, wie ich die Welt anschaue, empfinde und erlebe, verwende um die Situation anderer zu verstehen und sie in der Lösungsfindung zu unterstützen. Ich versuche meine Mitarbeiter mit meiner Weltkarte zu unterstützen. Meine Weltkarte zeigt aber nicht notwendigerweise alle für das Projekt relevanten Informationen oder ist für meine Mitarbeiter schwer lesbar. Genauso wie das was mich motiviert für meine Mitarbeiter nicht unbedingt motivierend wirken muss. So hat mir ein Coachee erzählt, dass ihre Vorgesetzte ihr ein sehr ambitioniertes Ziel gesteckt hat mit den aufmunternden Worte, “Je steiler die Vorlage, desto genialer das Output. Das wirkt bei mir immer.” Mein Coachee war durch die Steilvorlage, aber fällig blockiert. Ich beschreibe die Praxis von mir und meiner Erfahrung und meinem Erleben auszugehen um anderen zu helfen oft anhand folgender Metapher.
Ich plane ja schliesslich auch nicht mit einem Strassenatlas eine Hochgebirgstour, selbst wenn der Berggipfel auf der Strassenkarte eingetragen ist. Mir würden wichtige Details wie Höhenlinien, Wanderwege und Klettersteige fehlen. Es ist auch recht schwer mit einer hydrologischen Karte und deren Informationen zu Niederschlag, Fliesswässern und Einrichtungen der Wasserwirtschaft einen Flug zu planen. Dazu brauche ich Informationen wie Flugraumgrenzen, Flughäfen, Flughindernisse, die eine Höhe von mehr als 100 Meter über Grund erreichen etc die auf der hydrologischen Karte fehlen.
Alle bisher genannten Karten sind eine wahre Darstellung der Realität aber und hier liegt der Hund begraben, sie sind nicht für alle Menschen und alle Vorhaben hilfreich.
Der Schlüssel zur wirksamen Führung liegt nicht in der Frage, ob etwas wahr ist, sondern ob etwas hilfreich ist.
Bei der Planung einer Segelregatta hilft mir eine maritime Seekarte mehr als bei der Planung einer Bergtour. Bei der Planung einer SlowFood Genuss Reise werden ich mich wahrscheinlich verschiedener Karten, wie der Karten des Slow Food Führers, der versteckten Campingplätze der Welt, einem Strassenatlas, Google Maps etc bedienen und bei der Durchführung der Reise ist es vermutlich einfacher alle gesammelten Information in einer Strassenkarte einzutragen.
Wir hängen oft sehr stark an einer bestimmten Karte, einem bestimmten Kartentyp zur Planung und Durchführung unserer Unternehmungen, weil wir diese Karte schon so gewohnt sind, dass sie uns erlaubt schnell zu verstehen was Sache ist und schnell Entscheidungen zu treffen.
Die Objektivitätsfalle schnappt zu, wenn ich annehme, dass diese für mich hilfreiche Karte objektiv, also für alle gültig und für alle hilfreich ist. Sie ist aber nur für mich hilfreich und geschickt, während die anderen Karten für mich weniger verständlich und zeitaufwendiger in der Verwendung sind. Wenn ich statt wie gewohnt für die Planung einer längeren Vespatour durch Istrien nicht Google Maps verwende, sondern einen Strassenatlas, so brauche ich objektiv und messbar länger um Distanzen zu verstehen und Fahrzeiten zu berechnen. Einige der Gasthäuser sind eventuell auch geschlossen, was auf dem Strassenatlas nicht ersichtlich ist. Ich werde wertvolle Vorbereitungszeit und Nerven verlieren, vielleicht hungrig bleiben und nicht alle meine Ziele erreichen. Also fragst du dich wahrscheinlich genau wie ich, wieso sollte ich also andere Karten und Weltanschauungen nutzen, wenn mir meine passt und ein relativ leichtes Leben ermöglicht? Weil es nicht nur um mich geht und was mir jetzt am Einfachsten vorkommt.
Hier sind 3 Gründe:
1. Weil sich eventuell die Umstände ändern
Ich fahre nicht mit der Vespa sondern reite durch Istrien. Da ist dann GoogleMaps nur mehr sehr begrenzt hilfreich.
Wir haben 50% der Arbeitskräfte, die Remote arbeiten und um sie einzubinden, kann ich meine Montagsmeetings zu Keksen & Komplexitäten nicht wie bisher in Präsenz abhalten.
2. Weil ich mit jemanden arbeite, der einen andere Karte nützlicher findet
Ich bin mit meinem Papa als Navigator unterwegs, der sich selbst mit dem Atlas besser auskennt und mich so sicher navigiert, während er GoogleMaps nicht einmal öffnen kann.
Es mag ja sein, dass es mich leichter ist den Überblick über meine Projekte zu behalten auf einem Blatt Papier mit Buntstiften, aber die meisten meiner Kunden können mir leichter folgen, wenn ich mich für sie auf einem Excel-Gantt abquäle.
3. Weil nur eine einzige Weltansicht, ein Blickwickel auf das Problem nicht reicht
Für meine Genusstour brauche ich verschiedene Informationen zu Frühstückspensionen, Slow Food Restaurants, und öffentlichen Schotterwegen.
Um den Tränenausbruch einer Kollegin zu verstehen und ihn zu unterstützen, brauche ich wahrscheinlich mehr Infos als die zwei Sätze, die die Tränen ausgelöst haben.
Manchmal ist es notwendig die Karte komplett auszutauschen, manchmal reicht es relevante Informationen hinzuzufügen um die Karte als Basis für gute Entscheidungen nutzen und um wirksam führen zu können.
Mein Ausrede, ich verliere zu viel Zeit mich an neue Karten zu gewöhnen oder neue Infos zu suchen, gilt nur begrenzt. Ja, ich verwende die Karte schon seit Ewigkeiten und sie ist mir ein lieber Begleiter geworden. Ja, jetzt verliere ich einige Zeit um mir neue Karten zu suchen und mit den neuen Karten umzugehen. Nur diese Zeit aber in einem längeren Betrachtungszeitraum gewinne ich wieder zurück, weil ich im Endeffekt noch effizienter werde und keine extra Infos suchen muss. Lieber verwende ich also jetzt etwas Zeit um ein mehrfaches davon in der Zukunft zurück zu bekommen. Es ist meine Investition in eine leichtere Zukunft, wo ich diese Zeit für wichtigere Dinge verwenden kann und beruhigt mich auf die neuen Karten verlassen kann.
Die Karten Metapher hilft uns zu veranschaulichen wie unser Hirn funktioniert. Karten stellen die Summe, der von mir wahrgenommenen Objekte und somit meine Wirklichkeit dar. Sind alle Objekte auf der Karte, die ich sehen kann? Nein, sonst würde ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Um sie nützlich und aussagekräftig zu machen, müssen wir abstrahieren, indem wir eine Auswahl, der für mich und meine Unternehmungen relevanten Objekte, treffen. Weiters gibt es einige Objekte, die wir mit unseren Sinnen gar nicht wahrnehmen können. Auch hier muss unser Hirn entscheiden, ob diese relevant sind und daher in die Karte aufgenommen werden. Das ist es auch was unser Gehirn in jedem Moment macht. Jetzt passiert es auch bei dir und bei mir. In dieser Sekunden stürmen circa 11 Millionen Sinneseindrücke auf unser Hirn ein und es verarbeitet davon nur 40. Das ist ein Schutzmechanismus vor Überlastung. Welche der 11 Millionen Sinneseindrücke unser Hirn verarbeitet hängt unter anderem davon ab, was in unserer Vergangenheit wichtig und relevant war und uns geholfen hat. Dieser Prozess der Filterung läuft unbewusst ab. Unser Hirn verwendet ohne zu denken die gleichen gewohnten Datenpunkte und erstellt unser Weltkarte damit.
Das ist unsere Weltanschauung. Das erklärt auch wieso wir nicht davon ausgehen können, dass zwei Menschen die genau gleiche Weltanschauung haben. Die Kombinationsmöglichkeiten der 40 Sinneseindrücken aus 11 Millionen übersteigen meine Vorstellungskraft. Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung und navigiert mit Karten auf denen seine Wirklichkeit mit anderen Objektkombinationen abgebildet ist. Das heisst auch, dass es wie schon oben erwähnt für mich nicht immer Sinn macht, gedankenlos meinem Hirn zu erlauben unabhängig von den Menschen und der Situation immer die gleiche Karte zu verwenden. Es ist effizienter unser Hirn zu bitten, sich zuerst zu überlegen, welche Karte hier sinnvoll wäre. Das klingt recht anstrengend und zeitaufwendig und ist es auch. In jedem Moment angewandt würde dieser Prozess uns auch schnell in den Wahnsinn treiben.
Also wann ist es notwendig und intelligent bewusst auszuwählen?
- In mir neuen Situationen
- Zu Beginn von neuen Aufgaben
- Wenn ich mit neuen Menschen arbeite
- Bei Veränderungen im Kontext und meiner Umwelt
- Wenn meine Handlungen keine Wirkung zeigen
dann macht es Sinn kurz zu pausieren und Zeit in eine Kartenupdate zu investieren oder gar eine neue zu kaufen.
Subjektivität heisst also nicht keine Objekte zu sehen oder nicht mit ihnen zu arbeiten, sondern zu überlegen welche Objekte in welchen Kombinationen hilfreich sind für mich, meine Unterfangen und die Menschen, mit denen ich sie angehe. Mein Fokus liegt weiterhin bei dem Subjekt, dem Menschen vor mir, in der Gesamtheit seinen Eigenschaften, seiner Geschichte, seiner Wünsche, seiner Motivation und der Situation und dem Ziel, welches ich erreichen will. Dann entscheide ich bewusst, welche Karte für den Menschen in der Situation am ehesten helfen zum Erfolg zu führt.





