Der Großglockner - 24h zwischen Sorgenstrudel und Gipfelglück.
Wieder zu Hause. Das Bergabenteuer Großglockner liegt hinter mir, und ja, ich habe ihn wieder bestiegen.
Ich war mir nicht sicher, ob ich es schaffen würde. So unfit wie ich war. Ich wusste, dass ich nicht genug trainiert hatte, und ich wusste, wie gefährlich der Berg mit einem unfitten Bergkameraden werden kann.
Gerd und ich kamen direkt von einem schicken Mittagessen mit Arbeitsbezug zum Parkplatz beim Lucknerhaus. Schon auf der Hinfahrt hatte ich Stress, weil ich fürchtete, nicht rechtzeitig zum Abendessen um 19:00 Uhr auf der Stüdlhütte zu sein. Hütten sind oft streng, und ich wollte ohne Zeitdruck aufsteigen.
Am Parkplatz warteten Steffi, meine Schwester, und Reini, mein “alter” Schulfreund, schon auf uns. Ich wechselte vom schicken Sommerkleid in die Wanderhose, von den Sommerschuhen in die festen Bergschuhe. Da stellte Steffi fest, dass unsere, also Gerds und meine, nicht steigeisentauglich waren.
Das stürzte mich wieder in Sorge.
Gerd meinte nur: „Ach, das geht schon.“ Das beruhigte mich keineswegs. Im Gegenteil. Ich hatte ihn doch letzte Woche gefragt, ob unsere Bergschuhe steigeisentauglich seien, und seine Antwort war ein klares Ja gewesen. Jetzt waren sie es nicht. Verstand er den Unterschied nicht, oder war er nachlässig? Ich wusste es nicht und machte mir Sorgen.
Reinis Begeisterung für die Glocknerpartie und sein Schmäh holten mich aus dem Sorgenstrudel. Also wanderten wir los.
Ich kam bald ins Schwitzen und versuchte, mit Steffi zu plauschen. Plauschen ist übertrieben, ich atmete stoßweise, aber einige Silben würgte ich erfolgreich heraus. So kam ich schnaufend auf der Lucknerhütte an.
Ein Soda mit Zitrone erfrischte meinen müden Geist. Als wir weitergingen, rief uns einer nach. Wir sollten warten. Er bot an, unsere Rucksäcke mit der Materialseilbahn auf die Stüdlhütte bringen zu lassen. Steffi und ich überlegten nicht lange. Energie sparen vor dem großen Glocknertag, und das um 8 Euro pro Rucksack. Reini und Gerd, die stolzen Männer, wollten lieber selber tragen.
Also hopsten Steffi und ich leichtfüßig den steilen Pfad hinauf. Ok, wir machten nur einen Hopser und marschierten dann weiter, es war ja trotzdem recht steil.
Knapp unter der Stüdlhütte blieben wir stehen, um zu trinken und ins Tal zu schauen. Da sahen wir eine ganze Herde Steinböcke. Ein paar junge Wilde standen auf einem großen Felsblock und kämpften. Sie sprangen sich an, bis man die Köpfe gegeneinanderschlagen hörte. Ein lustiges Schauspiel. Junge Buam sind überall gleich, ob Steinbock oder Mensch.
Die Ankunft auf der Stüdlhütte war schon ein Erfolg, zumindest für mich. Es war noch warm, und wir nahmen das erste Getränk auf der Terrasse. Günther und Manuel, die beiden Bergführer, kamen kurz nach uns an. Jetzt waren wir vollständig und sogar rechtzeitig zum Abendessen. Stress, hausgemacht und völlig umsonst. Da hätte ich doch mehr auf Gerd und die Bergfex-App vertrauen sollen, statt mich geistig im Kreis zu drehen. Note to self: Tief durchatmen und das Szenario konkret durcharbeiten.
Ich hielt ein Auge auf die Sonne. Eine partielle Sonnenfinsternis war angesagt, in Österreich um 19:20 Uhr, sichtbar nur von einem hohen Punkt. Das würde ja auf die Stüdlhütte passen. Eine Wolke zog vor die Sonne, und meine Hoffnung verdunkelte sich mit. Doch zog die Wolke weiter, und ich sah einen Schatten vor der Sonne. Neugierde und die Angst, etwas zu verpassen, waren wie so oft meine Motivation und ich flitzte während des Essens vor die Türe.
Durch die Handylinse erkannte ich am Foto schon den Mondschatten auf der Sonne. Ein anderer Bergsteiger bot mir seine Sonnenfinsternisbrille an. Großartig. Ich sah den Mondschatten vor der Sonnenscheibe, aufgeregt und beglückt. Völlig ungeplant durfte ich dieses seltene Spektakel miterleben.
Wenige Minuten später war die Sonne mitsamt dem Mondschatten hinter den Bergen untergegangen. Wir besprachen den Aufstieg: 4:30 Uhr Frühstück, 5:00 Uhr Abmarsch, über das Ködnitzkees mit Steigeisen.
Im Zimmer 2 packten wir nur das Notwendigste für den Gipfel, der Rest blieb in einem Fach auf der Hütte. Das war nicht so einfach. Ich war unsicher, wie warm ich mich anziehen sollte. Bei meiner letzten Glocknerbesteigung im Juli 2011 hingen die Eiszapfen vom Gipfelkreuz, es war eiskalt. Diesmal sagte der Wetterbericht 3 bis 6 Grad plus voraus. Aber konnte ich nur mit meinem dünnen, langärmeligen Leiberl los? Die Erinnerung an die Kälte schlich sich wieder in meine Knochen. Unsicher fragte ich Gerd. Er gab mir zu verstehen, dass es lächerlich sei, sich so viele Gedanken zu machen. Ich sei erwachsen. Stimmt. Nur aus meiner Spirale half mir das nicht heraus. Steffi hatte dieselben Sorgen und war somit auch keine Hilfe.
Günther, der Bergführer, nahm sich meiner Unsicherheit an. Er hörte zu, begriff die Stoffe und meinte: „Ja, das reicht völlig aus.“
Derselbe Zweifel, zwei verschiedene Reaktionen. Das „lächerlich“ vertiefte meine Unsicherheit. Das Zuhören gab mir das Vertrauen in meine Entscheidung. Auch wenn es lächerlich und übertrieben scheint: Hinschauen und dann ruhig die eigene Meinung teilen stoppt den Sorgenstrudel und erlaubt die nächsten Schritte.
Steffi und ich teilten uns eine Koje. Ich schlief kaum, wie üblich auf Hütten. Einige kamen nach uns, einige schnarchten, andere brachen schon um 3:00 Uhr auf. Auch ohne Pulsuhr war klar: keine erholsame Nacht. Also war ich dankbar, aufstehen zu dürfen.
Vor dem Esszimmer stand schon eine Traube von Bergsteiger:innen. Einige Bergführer teilten Befehle aus und schafften Stress. Was gab es jetzt schon zu tun? Für uns: gut frühstücken, dann raus. Nochmals Kontrolle: Steigeisen, Handschuhe, Pickel. Alles da. Außer meine Handschuhe. Kurz ein Sprint aufs Zimmer, kontrollieren. Keine gefunden. Ich borgte mir Steffis zweites Paar aus.
Und los ging es im Schein unserer Stirnlampen. Schritt für Schritt im Dunkeln, immer nur den nächsten Schritt beleuchtend. Herrlich hoben sich die Berge als Silhouetten vom immer heller werdenden Himmel ab. Der probierte verschiedene Farbtöne aus, von zartrosa über hellorange bis violett. Ein Traum.
Es gibt kaum etwas Hoffnungsvolleres als einen frühen Morgen und einen Sonnenaufgang im Hochgebirge. Wie das Licht stärker wird, die Landschaft ausleuchtet und durch die ersten Strahlen vorher unbeachtete Orte in den Fokus rückt. Genial.
Am Beginn des Ködnitzkees legten wir die Steigeisen an und trotz Sorge passten sie auch auf meine Bergschuhe. Nicht ideal, aber gangbar. Solo marschierten wir weiter, bis zu dem Teil, wo Anseilen wegen der Spalten sicherer war.
Der Aufstieg über das Ködnitzkees war kein Thema. Es war noch dunkel, und wir genossen den Sonnenaufgang. Ich war müde, weil ich kaum geschlafen hatte, aber voller Staunen über die Schönheit der Berge.
Der erste Klettersteig bis zur Adlersruhe forderte mich. Ich war dankbar für die kurze Verschnaufpause auf der Erzherzog-Johann-Hütte. Ich konnte kaum glauben, dass ich wieder am Glockner war. Diesmal kam es mir viel schwieriger und anstrengender vor. Vielleicht, weil ich 15 Jahre älter und unfitter war. Sicher auch, weil viel weniger Gletscher und Schnee lag.
Es ist viel mehr am Felsen zu klettern. Wo früher ein Schneefeld war und ich mit Steigeisen darüberschritt, ist heute Klettersteig. Auch die Pallavicini-Rinne ist völlig schneefrei, tiefer und wirkt noch steiler.
Statt easy übers Schneefeld war Klettern angesagt. Meist gute Griffe, aber sehr ausgesetzt und steil. Bergauf ging es gut. Ich suchte nur den nächsten Griff, und es ging dem Ziel entgegen.
In der Pallavicini-Rinne kam uns eine Seilschaft entgegen, als ich gerade unten stand. Die Seilschaft war selbst im Stress und recht gross. Da kam wieder Sorge auf, ob sie uns nicht runterschubsen würden, weil jeder angespannt und auf seine eigene Sicherheit bedacht war. Also bewahrte ich Ruhe, sprach die andere Seilschaft aktiv an, fragte, was sie vorhatten, und sagte, was ich brauchte: festen Halt. So ging auch das gut.
Und schließlich waren wir am Gipfel. Herrlich warm, kaum Wind. Wir konnten das Panorama und die Jause in Ruhe genießen. Der höchste Punkt weit und breit. Alle anderen Berge, die im Tal noch so groß und unbezwingbar schienen, waren klein. Wir hatten es geschafft. Ich hatte es geschafft!
Die alten Freunde waren da: Triglav, Tofana, Hochgall, Großvenediger, Dachstein. Und neue, weniger bekannte Größen beeindruckten durch Form oder Höhe, wie Watzmann oder Sonnblick. Unglaublich, wie weit wir sehen konnten und wie weit sich die Alpen erstrecken. Ein wahrer Gipfelgenuss.
Dann lag der für mich schwierigere Teil jeder Bergtour vor mir: der Abstieg.
Da entkam ich der Steilheit und dem Abgrund nicht. Er lag mir zu Füßen und vor den Augen. Meine Sorgen und Ängste malten sich alles Mögliche aus. Ich liebe Möglichkeiten, im Positiven. Im Abstieg weniger.
Also niedriger Schwerpunkt, der Popo knapp über dem Fels. Griffe, die hielten. Klettern ohne Handschuhe, um den Fels zu spüren und nicht abzurutschen. Kein Schamgefühl. Ich rutschte auch mal am Popo die glatte Felswand hinunter.
Nach der Rast an der Stüdlhütte wollte ich kaum mehr aufstehen. Aber das Tal und ein waagrechtes Bett riefen. Motivation genug.
Es war ein gemütlicher Abstieg, diesmal ohne Knieschmerzen.
Was ich schaffen kann, Schritt für Schritt, mit einem Ziel und einem extrem ruhigen, aufmerksamen Bergführer.
Rauftragen können sie uns nicht, die Bergführer. Das müssen wir schon selber tun. Aber Material, Hilfe, Ruhe und Schritt-für-Schritt-Beständigkeit helfen. Und das Wissen, dass ich an Seilen hänge und sicher bin. Wie in der Führung: Wir können nicht die Arbeit für unser Team erledigen, aber wir können uns ihrer Sorgen annehmen, an sie glauben, mehr als sie selbst, und Sicherheit und Vertrauen vermitteln.
Diese Sicherheit hatte ich, weil sie bei jedem Schritt darauf achteten. Mit klaren Anweisungen wie: „Jetzt kannst du dich einhängen“ oder „Achtung, bleib stehen, bis ich gesichert bin.“ Sorgen nicht wegdrücken, sondern annehmen und konkret werden. Es war spannend, diesmal aus der Sicht der Geführten zu erfahren. Sehr dankbar war ich Günther und Manuel für ihre Ruhe und Professionalität und ihren unerschütterlichen Glauben, dass ich es schaffen konnte, trotz meiner akuten Selbstzweifel.
Wer sind deine Bergführer, wenn es steil wird? Wie gehst du mit Sorgen um? Deinen Sorgen und denen deiner Teammitglieder?




