Das sagt einem doch der Hausverstand! Stimmt, aber welcher? Deiner oder meiner?
Zähneknirschen. Ich bestätige die Überweisung und denke: Das wäre nicht notwendig gewesen, so viel Zoll zu zahlen. Das hätte sich jeder denken können. Je höher der Warenwert, desto höher der Zoll. Warum sollte jemand einem Geschenk bewusst einen höheren Wert verpassen und ich deshalb mehr Zoll zahlen? Hausverstand bräuchte es, mehr nicht.
Kennst du das?
Diese Situation, wo du dir denkst: Das ist doch glasklar. Das sagt einem der Hausverstand. Und trotzdem macht jemand genau das Gegenteil.
Es gibt ihn nämlich gar nicht, den einen allgemein gültigen Hausverstand. Er ist ein Mythos, ein gefährlicher Mythos. Es gibt nur meinen und deinen.
Woher kommt denn der Hausverstand? Meiner kommt aus dem, was für mich normal ist. Gewohnheiten, die so selbstverständlich sind wie Luft. Ich hinterfrage sie nicht, und das ist auch gut so. Müsste ich jede normale Handlung zuerst durchdenken, würde mich das wahnsinnig machen. Gewohnheiten sparen Zeit und Energie für das, was wirklich Nachdenken braucht.
Aber woher kommen diese Gewohnheiten? Aus dem Haus, in dem wir aufgewachsen sind. Was wir uns von Familie, Freunden und Verwandten abgeschaut, nachgemacht und so lang wiederholt haben, bis es normal wurde. Bis wir aufgehört haben, es zu hinterfragen.
Bist du in Graz groß geworden? Hast du mit 18 in Amerika gelebt und deine Diplomarbeit in Dubai geschrieben? Durftest du deine Hochzeitsgeschenke von Österreich nach Hongkong verfrachten, als es gerade zu China zurückkam? Hast du die gleichen Erfahrungen mit Zöllen und Auslandsgeschenken gesammelt wie ich? Die Wahrscheinlichkeit, dass wir den gleichen Weg und die gleichen Erlebnisse hatten, geht gegen null. Dass wir auch noch die gleichen genetischen Voraussetzungen haben, verringert die Wahrscheinlichkeit weiter.
Also kann unser “offensichtlich” auch nicht gleich sein.
Was steckte nun hinter der Überweisung? Meine Geschäftspartnerin hat es mir erklärt, nachdem sie sich für die Umkosten entschuldigt hatte. Für Maria war ein hoher Warenwert eine Geste der Wertschätzung. Je mehr, desto geehrter kann ich mich fühlen. Ihr Vater hat das immer so gemacht bei seinen Kunden, nur saßen die nicht im Ausland. Das war ihr Hausverstand. Sonnenklar, ohne nachzudenken.
Ich verstehe jetzt ihre Logik. Mein Ärger hat sich etwas beruhigt. Mein Ego fühlt sich auch ein bisschen gestreichelt.
Der Hausverstand täuscht uns: Jeder hält seinen für den einzig möglichen. Wenn ich ihn anrufe, meine ich meinen. Wenn du ihn anrufst, meinst du deinen. Solange wir das nicht erkennen und benennen, reden wir aneinander vorbei.
Beim nächsten Mal bitte trotzdem ohne Zoll, ganz wie es mein Hausverstand verlangt. Ich verspreche, mich trotzdem geehrt zu fühlen.
In Brasilien hatte ich eine britische Auftraggeberin gebeten, die Coaching Session in Sao Paulo nochmals zu bestätigen. “Hab ich schon”, kam sofort. Was sie nicht dazusagte: Sie hatte das vor drei Monaten getan, direkt nach der Auftragsbestätigung. Ich meinte zwei Tage vorher, denn das ist in Brasilien usus. Die Führungskraft war nicht vor Ort und wir mussten einen Ersatztermin suchen.
Zwei Menschen, beide überzeugt, das Offensichtliche und Richtige getan zu haben.
Als Führungskraft kommt einem der Hausverstand deshalb regelmäßig teuer zu stehen. Wenn ich “offensichtlich” denke und du das “Offensichtliche” machst, meinen wir oft zwei verschiedene Dinge. Und keiner fragt nach. Keiner fragt: Was heißt “so bald wie möglich” für dich? Was bedeutet “gut vorbereitet”? Wie äußert sich “respektvoller Umgang” für dich? Kannst du mir ein Beispiel für eine “pragmatische Behandlung einer Kundenreklamation” geben?
Der Zoll, den du dann zahlst, heißt Missverständnis und Frustration. Oder Vertrauen, das bröckelt.
Wie viele Hausverstände laufen gerade parallel in deinem Team?
Manchmal reicht eine Reflexionsfrage für dich : “Was ist für dich in dieser Situation selbstverständlich?” und eine Nachfrage beim Gegenüber “Was heisst das für dich konkret?”


