Ein herrlicher Morgen, die Bora gibt Gas. Die Möwen lassen sich von ihr zu großartigen Flugmanövern inspirieren. Meine Gedanken fliegen mit und ich frage mich: Delegieren Möwen eigentlich auch? Oder nur wir Menschen?
Delegieren ist ein heißer Dauerbrenner, in meinen Leadershipkursen, in Coaching Sessions, und auch gestern beim Grillabend. Sobald Menschen erfahren, was ich beruflich und als Berufung mache, landet das Gespräch bei diesem Thema.
Manager wollen mehr delegieren um mehr Zeit für strategisches Arbeiten zu haben und doch schaffen sie es oft nicht. Entweder weil Vorgesetzte nicht loslassen, ständig kontrollieren, oder beim kleinsten Fehler die Aufgabe doch wieder selber erledigen. Das riecht recht schnell für die andere Seite nach fehlendem Vertrauen. Oder zeigt wie schwer sich jemand tut, Aufgaben abzugeben und loszulassen. Der Einstieg ins Gespräch ist jedoch selten “Ich tu mir schwer mit Loslassen oder Vertrauen.” Meistens beginnt es mit: “Die junge Generation ist weniger zuverlässig, die nehmen die Dinge nicht mehr so ernst.” Es folgt oft ein: “Die Aufgaben werden nicht so erledigt, wie es der Hausverstand sagt. Also mache ich alles lieber selber damit ich weiss, dass es passt.”
Ich frage dann gerne nach: Was ist Delegation für dich?
Meistens ist die Antwort ein Entweder-Oder. Entweder alles abgeben und auf das Resultat mit Bangen warten und wenn es nicht meinen Erwartungen entspricht doch wieder selbst Hand anlegen oder jeden Schritt nachkontrollieren und micromanagen. Beides verfehlt den Punkt, es sind die zwei Extreme des Delegationscontinuums. Dazwischen liegen Welten.
Zuerst noch meine Antwort auf die Frage, Was ist Delegation? Sie ist kein Weg, ungeliebte Aufgaben loszuwerden. Sie ist einer der wirksamsten Prozesse, um Menschen zu entwickeln. Delegation ist ein Lehrprozess.
Oft wird dieser Prozess anders gelebt. Meine Gesprächspartnerinnen haben oft das Gefühl sie müssen Aufgaben vollständig abgeben und dann auf das Resultat warten um so ihr Vertrauen auszudrücken. Also fragen sie nicht nach, kontrollieren nicht, geben Feedback erst wenn sie das Resultat in der Hand haben. Das wäre aber wie wenn ich einem Kind, das noch nie Rad gefahren ist, auf ein großes Fahrrad setze und sage: “Fahr mir bitte in die Stadt und hol mir die Zeitung.”
Das verlangt Fahrkompetenz, Verkehrseinschätzung, Wegwissen, Kundenverständnis (welche Zeitung liest sie) und Geld. Das hat nichts mit Vertrauen zu tun. Das ist fehlende Begleitung.
Ich würde mein Kind nicht so überfordern. Bei meinem Kind baue ich auch die einzelnen Kompetenzen schrittweise auf und stelle ein Sicherheitsnetz zur Verfügung. Wir beginnen mit Stützrädern. So kann es lenken üben, treten, bekommt ein Körpergefühl fürs Rad und kann muscle memory aufbauen. Dann kommen die Stützräder weg. Wir fahren immer schwierigere Strecken. Wir diskutieren Entscheidungskriterien durch, welche Strecken sicherer sind und warum. Anfangs laufe ich noch nebenher, feuere an. Irgendwann winke ich nur mehr nach und bleibe mit meiner Sorge allein.
Und genau da kommt Vertrauen ins Spiel. Die Sorge “Wird sie es schaffen?” darf bei mir bleiben. Sobald ich meinem Kind zu verstehen gegeben habe, dass ich es für kompetent genug halte, allein die Zeitung kaufen zu fahren, greife ich nicht mehr ein, ohne gefragt zu werden. Ich darf auch mir selbst vertrauen, dass ich den Lernprozess gut genug begleitet habe.
So bekommen die Jungen, und auch die Älteren mit neuen Aufgaben, das Gefühl: sie werden unterstützt und nicht überfordert. Sie lassen sich leichter auf neue Aufgaben, auch komplexe Aufgaben ein, gewinnen Erfahrung und erreichen so selbständig Resultate, auf die beide Seiten stolz sind. Und wir bleiben als die in Erinnerung, die ihnen Fahrradfahren beigebracht haben.
Der Merksatz lautet: Alles was lehrbar ist, ist auch delegierbar. Delegation ist ein Lehrprozess.
Die Möwen draussen reiten die Bora weiter. Sie delegieren übrigens nicht. Und du? Welche Aufgabe behältst du ganz bei dir, obwohl sie gerne jemand mit Stützrädern probieren würde?


